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Andreas Hofer († 20. Februar 1810)

20. Februar 2010

Große Persönlichkeiten der Geschichte sind ja dazu da, als Beispiel, als Vorbild hingestellt zu werden. Zugegebenermaßen ist die Geschichte eine recht untreue Gesellin, stellt sie doch im Laufe der Zeit so manches Vorbild in einem Licht dar, welches ihm ganz und gar nicht gerecht wird. Gerade im Fall Andreas Hofer, der – wie man sich 200 Jahre nach seinem Tod sehr gut vorstellen kann – so gar nicht recht in die heutige politische Situation und Gedankenwelt passen will, weil so gut wie ALLE seine Tugenden (wie Ehre, Mut, Frömmigkeit, Standhaftigkeit, …) einen recht tranigen Beigeschmack bekommen haben. Das liegt aber nicht an den ewig geltenten Werten, das liegt an der Gesellschaft, die mittlerweile schon so dermaßen verkommen ist, dass sie sich nicht mehr zu ihrem Glauben, zu ihrem Heimatland und ihrem rechtmäßigen Herrscher bekennen KANN und MÖCHTE.

Wenn ich so meine Gedanken bei Andreas Hofer schweifen lasse, so war er IMMER ein großes Vorbild für mich – jedoch absolut unbewusst. Ich hatte mich zwar schon öfters mit ihm befasst, aber in meinem täglichen Denken und Handeln war er eigentlich nie so richtig präsent. Aber ich liebe mein Heimatland und würde alles tun, es zu verteidigen. Ich liebe meine heilige Mutter Kirche, die – wen wunderts – durch den weltumspannenden Werteverlust mit vielen Problemen zu tun hat, was meinen Beistand, mein Gebet und meiner Einsatzbereitschaft erst recht erfordert. Und dann wäre es ja nur noch ein kleiner Schritt zu meinem Interesse für die Monarchie …

Aber wir wollen uns mit Andreas Hofer beschäftigen, über den das katholische „Magazin für Kirche und Kultur“ Katholisches.info einen sehr guten Bericht geschrieben hat, den ich hier reinzusetzen mir erlaube. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich viele fragen, was der Kirche einfällt, Andreas Hofer für sich zu vereinnahmen. Wer aber  aus dem Glauben heraus den Anlass seines Tun und Handelns sieht, der ist es wert, von der Kirche als Beispiel hingestellt zu werden. Denn die Kirche ist zeitlos – was man von den politischen Verhältnissen nicht behaupten kann. Hier tun sich die politischen Verantwortungsträger schwer, einen der Ihren, einen Nationalhelden zu verehren, weil sein Gedenken vielleicht andere verärgern könnte, seien es die Italiener, seien es die Franzosen, die Juden, die Moslems, oder wen auch immer. Andreas Hofer:  Ehre, wem Ehre gebührt – zur größeren Ehre Gottes.

Hofer – ein katholischer Held.

Zum 200. Jahrestag seiner Hinrichtung

von Johannes Thiel

Über katholische Persönlichkeiten wird heute wenig gesprochen. Eine solche war der Tiroler Andreas Hofer, dessen Hinrichtung sich am 20. Februar 1810 zum 200. Mal jährt. Seiner Bedeutung wegen widmete ihm Kardinal Albino Luciani, der spätere Papst Johannes Paul I. im Dezember 1974 einen fiktiven Brief, der 1978 mit Briefen an weitere katholische Persönlichkeiten in Buchform veröffentlicht wurde.

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hingegen dichtete Andreas Hofer zum „bigotten Frömmler“, zum „Rauf- und Saufbold“, zum „Nationalhelden rechter Tiroler“ und „blinden Anhänger des Ancien régime“ um. Da der Glaube eine zentrale Triebfeder seines Handelns war, deklassieren ihn die Grünen heute zum „Fundamentalisten“ und „Alpentaliban“. Damit erweisen sie sich als „würdige“ Erben ihrer geistigen Ahnherren, der Revolutionäre mit der „menschenfreundlichen“ Guillotine.

Ganz anders sahen es Hofers Zeitgenossen. Seine starke Persönlichkeit, seine Integrität und Redlichkeit und seine Führungsqualitäten machten ihn in ganz Europa bekannt als jenen, der Napoleon, dem scheinbar unbesiegbaren Franzosenkaiser die Stirn bot.

Die preußische Königin und Protestantin [Luise von Preußen, deren 200. Todestag dieses Jahr ebenfalls gedacht wird] war von ihm angetan: „Welch ein Mann, dieser Andreas Hofer! Ein Bauer wird Feldherr, und was für einer! Seine Waffe – Gebet; sein Bundesgenosse – Gott. Er kämpft mit gebeugten Knien und schlägt wie mit dem Flammenschwert des Cherubs.“ Nicht minder die katholische Bürgerschaft der italienischen Stadt Mantua, wohin Hofer von den Franzosen in Ketten geschleppt wurde. Für die Hälfte sei er „ein Heiliger“ und für die andere „ein Held“, wie sein Pflichtverteidiger seinem Tagebuch anvertraute. Die 24jährige Bettina von Arnim schrieb an Johann Wolfgang von Goethe über Hofer als einem „Beispiel von Unschuld und Heldenthum, innerlich groß, ein heiliger deutscher Charakter“.

Andreas Hofer wurde am 22. November 1767 in der Grafschaft Tirol, am Sandhof bei St. Leonhard in Passeier geboren. Er wurde Bauer, Wirt und Pferdehändler. Noch jung an Jahren entsandte ihn seine Talschaft bereits als Abgeordneten zum Tiroler Landtag. Es war das Jahr 1792. Der französische König und seine österreichische Gemahlin starben unter der Guillotine. Die Französische Revolution tobte seit drei Jahren. Deren Folgen sollte bald auch Tirol zu spüren bekommen, als der freimaurerische Revolutionswahn zum Angriff gegen ganz Europa ausholte. Der Bischof von Brixen rief auf dem Landtag zur Bekämpfung der „gottlosen französischen Grundsätze“ auf.

1796 – Tirol verlobt sich dem Herzen Jesu

1796 marschierten die Revolutionstruppen auf Tirol vor. Der Landtag suchte göttliche Hilfe. Klerus, Adel, Bürger und Bauern gelobten dem Herzen Jesu die „ewige Treue“. Die Herz-Jesu-Verehrung hatte im Land an Inn und Etsch tiefe Wurzeln geschlagen. In der Kirche von Mellaun bei Brixen befindet sich eine Herz-Jesu-Darstellung aus dem Jahr 1464. Sie dürfte wohl die älteste weltweit sein. Die Aufklärung unter Kaiser Joseph II. stellte in rationalistischer Verblendung jede Form der Herz-Jesu-Verehrung unter Strafe. Liberale Professoren gaben das Herz Jesu und seine Verehrung dem Gespött preis. Wenn die Tiroler Landstände also gerade zum Herzen Jesu ihre Zuflucht nahmen, so bedeutete dies nicht nur ein Zeichen des Widerstandes gegen das revolutionäre Paris, sondern ebenso gegen das aufgeklärte Wien. Zudem gab es im antirevolutionären Aufstand der Vendée seit 1793 ein herausragendes Beispiel. Unter dem Symbol des Sacre Coeur und dem Motto „Gott und König“ erhoben sich die Katholiken gegen den menschenverachtenden Maximalismus der Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder den Tod“. Es gibt noch keine einschlägigen Untersuchungen über die Auswirkungen der Vendée auf Tirol. Aufgrund der raschen Verbreitung der Nachrichten zur damaligen Zeit darf jedoch davon ausgegangen werden, daß man in Tirol unterrichtet war. Andreas Hofer faßte sein Programm prägnant im Motto „Für Gott, Kaiser und Vaterland“ zusammen. Es entstand samt seiner programmatischen Erweiterung eigenständig von jenem der Vendée. Beide Aufstände werden jedoch vom selben katholischen und patriotischen Geist genährt.

1796 gehen die Tiroler siegreich aus dem Kampf hervor, an dem Hofer als einfacher Landesverteidiger beteiligt war. Die Errettung aus aussichtslos erscheinender Lage vertiefte die Herz-Jesu-Verehrung.

1805 – Die Erben der Revolution tilgen das Land aus

1805 bezwang jedoch das militärische Genie Napoleon Österreich. Europas Landkarte wurde drastisch umgebaut. Tirol wurde vom Korsen aus der Kriegsbeute an das verbündete Bayern weitergereicht und von der Landkarte gestrichen. Dort herrschte das französische Marionettenregiment eines Staatsministers Graf Montgelas, einem überzeugten Verfechter der gottlosen Aufklärung, der bis zu dessen Verbot dem Illuminatenorden angehört hatte. Die Tiroler Landesverfassung wurde außer Kraft gesetzt und die Wirtschaft durch Handelsverbote und harten Abgaben- und Steuerdruck abgewürgt. Der Unterhalt der Besatzungstruppen wurde dem Land auferlegt. Dem Geist „des wahren Fortschritts“ entsprechend wurde eine radikale antiklerikale Politik eingeleitet. Die Kirche hatte sich zur Gänze dem Staat zu beugen und unterzuordnen. Zwei von vier Tiroler Bischöfen wurden verbannt, zahlreiche Priester eingesperrt und deportiert. Von der Abschaffung von Feiertagen und Prozessionen, über das Verbot des Glockengeläuts und der Christmette, von Klosteraufhebungen und deren Ausplünderung, von der Einschränkung von Gebeten bis zur Absicht, den Zölibat abzuschaffen, reichte die Bandbreite dieser ersten „modernen“ Diktatur.

1809 – Tirols Erhebung als Absage an die Revolution

Im Untergrund begann sich Widerstand zu regen. Die Kontakte zu Österreich waren nie abgebrochen. In Absprache mit Wien, vor allem Erzherzog Johann, legte man Waffen- und Munitionslager an und bereitete sich auf den Kampf vor. Einer der führenden Männer war Andreas Hofer, der auch an den Besprechungen in Wien teilnahm. Als junge Tiroler für die Feldzüge Napoleons zwangsrekrutiert wurden, kam es im April 1809 zum Aufstand. Hofer, der zunächst im Südteil des Landes kommandierte, stieg bald zum Oberkommandanten auf. Die Tiroler hatten 1511 das Privileg erhalten, ihr Land verteidigen, aber nicht außerhalb des Landes Kriegsdienst leisten zu müssen. Sie kämpften als Freiwillige für ihre Heimat und wählten die Offiziere aus den eigenen Reihen.

Hofer kämpfte mit seinen Tiroler Landsleuten für die freie Glaubensausübung, die Tiroler Freiheiten, den rechtmäßigen Landesherrn aus dem Hause Habsburg und die Abschüttelung der Fremdherrschaft. Als er das erstemal mit seinen Schützen Richtung Innsbruck zog, ließ er am Brenner eine Heilige Messe zelebrieren und erneuerte mit seinen Männern das Herz-Jesu-Gelöbnis von 1796.

Der zunächst erfolgreiche Aufstand war von großer geostrategischer Bedeutung. Damit konnte die Vereinigung oder rasche Verschiebung der nördlich bzw. südlich der Alpen operierenden französischen Truppen und ihrer Verbündeten unterbunden werden. Drei Mal befreiten die Tiroler das Land von den immer neu anrückenden Feinden. Hofer, der nie ein politisches Amt angestrebt hatte, regierte im Herbst 1809, einer Notsituation folgend, persönlich, aber nur stellvertretend für seinen Kaiser das Land. Tirol und sein Oberkommandant Hofer werden „im ganzen damaligen Europa zum Begriff und auch als klare weltanschauliche Absage an die französische Revolution und als Gefahr für das buonapartistische System verstanden“.¹ Napoleon erkannte die Gefahr, die von diesem Leuchtfeuer auf andere von ihm unterworfene Länder ausgehen konnte. Hofer, ein Mann aus dem Volk, war zum Volkshelden geworden. Er verhinderte Ausschreitungen gegen die besiegten Feinde. Die Überlieferung kennt keine Kriegsgreuel, die auf ihn zurückgingen. Vielmehr kümmerte er sich in landesväterlicher Fürsorge um die Armen, Frauen und Kriegswaisen. Das ihm folgende und ihn verehrende Volk bezeichneten ihn vielfach einfach als „Vater“.

Andreas Hofers Ende – Der letzte Gang eines Helden

Nachdem die Tiroler sogar einen seiner Marschälle besiegt hatten, setzte Napoleon seinen Stiefsohn mit einem für die Verhältnisse enormen Heer gegen die Tiroler ein. Österreich war zu dieser Zeit erneut besiegt worden und konnte keine Hilfe mehr leisten. Alleine auf sich gestellt war es den Tirolern auf Dauer nicht möglich die napoleonische Dampfwalze aufzuhalten. Diese Phase zeigt Andreas Hofer erstmals zögernd. Er erkennt die Aussichtslosigkeit und weiß doch, daß er für eine gerechte Sache kämpft. Nach drei siegreichen Schlachten, ging im November die vierte und letzte Schlacht am Bergisel bei Innsbruck verloren. Tirol wird erneut besetzt und ein Terrorregiment legte sich über das Land. Hofer lehnte es auch jetzt ab, sich nach Österreich in Sicherheit zu bringen. Ein Verlassen seiner Heimat kam für ihn nicht in Frage. Für Kopfgeld wurde er durch Verrat den Franzosen ausgeliefert. Dieser letzte Lebensabschnitt bis zu seiner Hinrichtung gestaltete sich zum Gang eines wahren Helden. Aus Sicherheitsgründen wurde er sofort aus Tirol hinausgeschafft, da man seine Befreiung befürchtete. Auf dem Weg in die lombardische Festung Mantua rettete er seinen Bewachern das Leben, statt die Gelegenheit zur Flucht zu nützen. Die Verhandlung vor einem französischen Kriegsgericht wurde zur Farce, da Napoleon Befehl erteilt hatte, Hofer innerhalb von 24 Stunden hinzurichten. Die Begegnungen mit zwei Priestern, die ihn nach dem Todesurteil im Kerker besuchten, sind aktenkundig überliefert. Propst Giovanni Manifesti schrieb am Tag nach der Hinrichtung: „Zu meiner Erbauung und zu meinem größten Trost bewunderte ich einen Mann, der als christlicher Held zum Tode ging und ihn als unerschrockener Märtyrer erlitt.“ Die letzten Lebensstunden blieb Andreas Hofer allein mit seinem Gott und schrieb jenen letzten Brief, „der ein Denkmal sittlicher Größe, Seelenruhe und Glaubensstärke bildet“²

„Der göttliche Wille ist es gewesen, daß ich habe müssen in Mantua mein Zeitliches mit dem Ewigen verwechseln. Aber Gott sei Dank für seine göttliche Gnade. Mir kommt vor, wie wenn ich zu etwas anderem hinausgeführt würde. Gott wird mir auch die Gnade verleihen bis zum letzten Augenblick, damit ich hinkommen kann, wo sich meine Seele mit allen Auserwählten ewig freuen wird und wo ich für alle bei Gott bitten werde. (…) Alle guten Freunde sollen für mich beten und mir aus den heißen Flammen helfen, wenn ich noch im Fegfeuer büßen muß. Die Seelengottesdienste soll die Liebste mein zu St. Martin halten lassen. (…) Lebt alle wohl, bis wir im Himmel zusammenkommen und dort leben ohne Ende. (…) Ade, du schnöde Welt, so leicht kommt mir das Sterben vor, daß mir nicht einmal die Augen naß werden. Geschrieben um 5 Uhr früh, um 9 Uhr reise ich mit Hilfe aller Heiligen zu Gott.“

Unter Andreas Hofers Führung war Tirol nicht nur zu einer zweiten Vendée und zu einem zweiten Spanien geworden, sondern zum Vorbild und Katalysator für die schließlich Napoleon niederringenden Befreiungskriege.

aus: katholisches.info

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¹ Die Weiße Rose, 163. Flugschrift, Wien 2010

² Kanonikus Paul Rainer: Der Heimat die Zeit – dem Himmel die Ewigkeit, in: Traum der Freiheit. 200 Jahre Tiroler Freiheitskampf. Bozen 2010

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16. Oktober 1793 – Marie Antoinette wird hingerichtet

16. Oktober 2009

Das Urteil

Marie Antoinette – Rien ne va plus

(2. November 1755 bis 16. Oktober 1793)

Einsam und von allen verlassen wartet Marie Antoinette verzweifelt auf den Prozess der erst am 14. Oktober 1793 eröffnet wird. Das Szenario ist erbärmlich. Die ehemalige Königin von Frankreich betritt – so die Überlieferung – an diesem Tag aufrecht und würdevoll den Gerichtssaal. Ein abgetragenes Trauerkleid, das ergraute Haar und eine einfache Witwenhaube zeichnen ein völlig neues Bild der zur Königin des Rokoko stilisierten Frau. Die Verurteilung wird zur Massenveranstaltung. Unmengen von Schaulustige lassen sich den Moment nicht entgehen bei der Verurteilung der „Österreicherin“ „L’Autrichienne“ dabei zu sein. In den ersten Reihen haben die hohen Funktionäre der Revolution Platz genommen. Der Auftakt der Verhandlung: „Nach Prüfung, ist offensichtlich,… dass Marie Antoinette, die Witwe von Louis Capet, seit dem ersten Tag ihres Aufenthaltes in Frankreich die Geisel und Blutsaugerin des Landes gewesen ist…..“ Sie habe das Vermögen des Landes vergeudet, sei in heimlichen Einvernehmen und Briefwechsel mit dem Feind gestanden und habe des weiteren eine Verschwörung gegen die innere und äußere Sicherheit des Staates betrieben, so die wesentlichen Anklagepunkte. Somit fiel der Prozess in die Kategorie Hochverrat und wurde als Schauprozess geführt.
Fakt ist: Marie Antoinette hat tatsächlich Unmengen Geld verschwendet, sie stand im Einvernehmen mit dem Feind – führte also über die Jahre regen Schriftverkehr mit ihrer österreichischen Verwandtschaft – und sie hat auch in verschwörerischer Absicht versucht ihre Krone zu retten.

Marie Antoinette auf dem Henkers-karren, auf ihrer Fahrt zur Guillotine (Zeichnung von Jacques-Louis David)

Fakt ist aber auch, dass hier ein Gericht entschied, ohne seine Anklage mit Beweisen zu belegen, denn diese wurden erst lange nach ihrem Tod von Historikern zusammengetragen. So etwa der Briefverkehr zwischen Marie Antoinette und ihrer Mutter, der in der Hofburg in Wien verwahrt ist. Man griff hier also auf äußerst fragwürdige Zeugen zurück. So etwa diese Zeugenaussage: „Ich habe gesehen, wie die Königin am 21. Juni 1791 „rachsüchtige Blicke“ ausgesandt hatte“. Für den Zeugen der dies vorbrachte war diese „Beobachtung“ bereits der Beweis für das Marsfeldmassaker. Die Grundlage für eine Verurteilung lag somit weit außerhalb der rechtlichen Verfügbarkeit. Denn mehr als die angeführten Fakten, deren Beweise eben fehlten, war es das öffentliche Bild, das ihr zum Verhängnis wurde.
Nicht zuletzt durch Jacques-René Hébert – ihren größten Feind – der in seiner Tätigkeit als Journalist bereits Jahre vor der Revolution begonnen hatte Marie Antoinette als lüsterne Wölfin darzustellen. Sie wurde in den Zeitungen und in der Öffentlichkeit dermaßen in den Schmutz gezogen, dass die Hälfte der Bevölkerung sie als Monster, das zu allem in der Lage war, sah.
Als Witwe Capet sitzt sie nun abgemagert vor ihren Richtern, doch zur Verwunderung der Schaulustigen ist die ehemalige Königin nicht gebrochen.
Die Vernehmung der 41 Zeugen dauert an. Mit Spannung erwartet betritt Jacques-René Hébert schließlich den Zeugenstand. Der Journalist hatte bereits im Vorfeld des Prozesses einen eigenen Plan verfolgt. Sein Ziel war es Marie Antoinette menschlich zu vernichten, sie dazu zu bringen abscheuliche Verbrechen zu gestehen, damit ihr persönlicher Zusammenbruch vor aller Augen das definitive Versagen der Monarchie demonstriere. Sein – pathologischer – Hass auf Marie Antoinette war auf Grund seiner Publikationen jedermann bekannt. Er bediente sich an dem Sündenfall des Inzests mit ihrem Sohn. Ein Verhörprotokoll des „geschändeten Jungen“ wird vorgelegt. Das Dokument – heute im Musée de l’Historie de France – zeigt tatsächlich die eigenhändige Unterschrift des Neunjährigen, die durch Tagelanges bearbeiten und unter die Mangel nehmen durch Hébert dem Kind erzwungen wurde. Ein mehr als erschütterndes Dokument menschlicher Grausamkeit.
Mit diesem Vorwurf konfrontiert erwidert Marie Antoinette im ersten Moment nichts. Schweigen. Erst als sie aufgefordert wird zu dem ihr zur Last gelegten Inzest Stellung zu nehmen, erhebt sie gefasst ihre Stimme: „Wenn ich nicht geantwortet habe, so deshalb, weil die Natur sich sträubt, auf einen solchen Vorwurf an eine Mutter zu antworten. Ich appelliere an alle Mütter im Saal.“ Für einen kurzen Moment erreicht sie damit Sympathiebekundungen und für einige Augenblicke gewinnt sie ein Stück Ansehen zurück.
Der letzte Zeuge wird befragt, der Prozess endet mit dem letzen Wort der Anklage durch den Ankläger Fouquier-Tinville mit den Worten: Marie Antoinette sei als „erklärte Feindin der Nation“ anzusehen. Noch einmal wird sie des Verrates bezichtigt, über dessen Tatbestand sich bis heute führende Historiker uneins sind.
Gebrandmarkt wurde sie als eiskalte Verräterin. Doch war sie das wirklich? Immer wieder wird versucht ihr diesbezüglich auf die Finger zu sehen. Roswita Klaiber, eine Schriftexpertin für grafologische Besonderheiten, untersuchte ihr Schriftbild und kommt zu dem Schluss: „Eine eiskalte Strategin war sie sicher nicht, dazu fehlt ihr einfach die intellektuelle Trennschärfe…. Das Schriftbild… weist sehr viele Spaltungserscheinungen auf…. das sie sich von sich entfremdet… und daher ist es durchaus möglich, dass sie ein doppeltes Spiel spielt… und das als solches nicht wahrnimmt.“
Nun, wie immer man zu solchen Aussagen steht, Fakt ist, Marie Antoinettes Verrat als solches bleibt bestehen. Der heute bekannte „Konspirationsbrief“ macht ihn definitiv. Jedoch dem damaligen Gericht war diese Tatsache nicht bekannt. Das sie damit französische Feldzugpläne den Österreichern zugespielt hatte, blieb den Anklägern verborgen. Zu alle dem gab es keine Beweise. Das Schlussplädoyer lautete stattdessen: „Wenn man für alle diese Tatsachen einen mündlichen Beweis wollte, hätte man die Angeklagte vor dem gesamten französischen Volk erscheinen lassen müssen … . Das französische Volk klagt Marie Antoinette an, alle politischen Ereignisse der letzten fünf Jahre sind Beweismittel gegen sie.“ Danach zogen sich die Geschworenen zu einer einstündigen Beratung zurück. Das daraus resultierende Urteil: „schuldig!“ – Rien ne va plus – mit der Aufforderung unverzüglich die Todesstrafe zu verhängen.
Laut Augenzeugen verlässt sie den Gerichtssaal ohne sichtliche Furcht oder Ärger und zeigt keine Schwäche. „Sie war wie ausgelöscht“. Die Zeitung Montieur schrieb: „Als sie ihr Urteil hörte, zeigte sie keinerlei Gemütsregung…. Sie ging aus dem Gerichtssaal, ohne ein Wort zu sagen, ohne einmal zu den Richtern oder zum Publikum zu sprechen.“

Was nun noch bleibt ist die Stille vor dem Tod. Noch einmal greift sie zur Feder und schreibt einen Abschiedsbrief. Der Brief gibt Aufschluss, keine Rechtfertigung, keine Botschaft an die Nachwelt, kein Wehklagen, kein historischer Auftritt. In diesem sehr persönlichen Brief nimmt Marie Antoinette lediglich Abschied (Siehe hier)

Die Hinrichtung

Hinrichtung der Marie-Antoinette am 16. Oktober 1793 (Zeitgenössischer Kupferstich, Ausschnitt)

Am 16. Oktober 1793 wird Marie Antoinette auf dem Revolutionsplatz enthauptet. Der Leichnam der ehemaligen Königin wird zusammen mit vielen anderen in einem Massengrab verscharrt. Erst 22 Jahre danach lässt König Ludwig XVIII. in der Kathedrale von St. Denis ein Grab und ein Denkmal für die letzte Königin Frankreichs errichten. Auf dem Grabstein aus schwarzen Marmor steht: „Marie Antoinette von Österreich. Königin von Frankreich und Navarra. 1755 – 1793“

Rien ne va plus – Marie Antoinette ist nun Geschichte.

von Andreas Brixler in

Marie-Antoinette.at