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Symbolik der Weihnacht

2. Januar 2010

„Jedes Detail in der Weihnachtsgeschichte ist von tiefer, überzeitlicher Symbolik“

Interview mit Christa Meves zur Weihnachtsgeschichte

MÜNCHEN, 22. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Christa Meves gehört mit mehr als fünf Millionen verkauften Büchern zu den meistgelesenen christlichen Autoren im deutschen Sprachraum. Mit ihren Büchern und Tausenden von Vorträgen, vor allem zu Fragen der Kindesentwicklung und -erziehung, hat sie zwei Generationen christlicher Familien geprägt. Die langjährige Mitherausgeberin des Rheinischen Merkurs und Synodalin der EKD konvertierte 1987 zum katholischen Glauben. Mit ihrem Verein „Verantwortung für die Familie“ , bei dem man kostenlos Mitglied werden kann, unterstützt sie Familien bei der Erziehungsarbeit.

Für ZENIT sprach Michael Ragg, katholischer Radio- und Fernsehmoderator und Geschäftsführer der Domspatz-Agentur für Öffentlichkeitsarbeit, mit Christa Meves über die überzeitlichen Wahrheiten der Weihnachtsgeschichte, ihre Symbole und die Verantwortung der Hirten sowie das Vorbild der Heiligen Familie für die Menschen von heute.

ZENIT: Die Weihnachtsgeschichte gilt heute vielen als frommes Märchen. Zu Recht?

–Christa Meves: Die Weihnachtsgeschichte symbolisiert eine übermächtige zeitlose Wahrheit. Das ist schon daran erkennbar, dass es selbst Atheisten nicht gelingt, davon nicht angerührt zu werden. Weihnachten schlägt durch! Nicht einmal die finstersten Diktatoren konnten es verbieten, selbst in Kriegen brachte dieses Fest oft wenigstens für kurze Zeit die Waffen zum Schweigen.

ZENIT: Wenn Gott kommt, sollte eigentlich die Welt erzittern. Stattdessen bieten uns die Christen allen Ernstes ein hilfloses Kind als Erlöser an. Kann die Tiefenpsychologin darin einen Sinn erkennen?

–Christa Meves: Die Gestalt des Kindes am Beginn der Erlösungsgeschichte kennzeichnet, dass der Gott der Christen auf gar keinen Fall ein Beherrschender sein will. Er zeigt sich den Menschen als ein Gott, der unvoreingenommen liebt und sich dadurch so unmittelbar an die Menschen ausliefert wie ein neugeborenes Kind. Er zeigt sich den Menschen dieser Welt dadurch in rückhaltloser Nacktheit und Offenheit.

ZENIT: Maria und Josef legten Jesus, so berichtet der Evangelist Lukas, in eine Futterkrippe. Kann man darin mehr sehen, als dass es das Baby eben warm haben sollte?

–Christa Meves: Jedes Detail in der Weihnachtsgeschichte ist von tiefer, überzeitlicher Symbolik. Im letzten Abendmahl von Jesus Christus mit seinen Jüngern wird deutlich, dass Christus eine Nähe zu jedem Einzelnen der Gläubigen sucht, die so unmittelbar ist, wie unsere Nahrungsaufnahme. Wie die Tiere in der Futterkrippe Nahrung zum Überwintern finden, so will Christus für uns das Brot des Lebens sein.
Ein besonders eindrückliches Detail: Die Krippe besteht aus je zwei zusammengenagelten Holzbalken. Die Krippe des Jesuskindes ist Ausdruck dafür, dass die Befriedung des Menschen von geistigem Hunger und Leid ihre Voraussetzung im Kreuz hat, ja, in das Kreuz geradezu eingebettet ist: Aus dem Opfertod Gottes gebiert sich jene geistliche Nahrung, die zum ewigen Leben des Gläubigen führt.

ZENIT: Von Ochs und Esel ist in der Weihnachtsgeschichte nicht die Rede. Passen sie dennoch ins Bild?

–Christa Meves: In Ochs und Esel ist ein Stück von uns Menschen verkörpert. Heute hat uns die Wissenschaft gelehrt, dass der Mensch zu 98 Prozent tierhaft ist, dass er wie die Tiere den Naturgesetzen unterworfen und in vielem Verhalten den Säugetieren höchst ähnlich ist. Dass in Bethlehems Stall zwei domestizierte Zugtiere anwesend sind, spiegelt unsere grundsätzliche Situation als Mensch wider: Die Fron des „Arbeitstieres“ Mensch zwischen Dornen und Disteln, seine unumgängliche Gebeugtheit zwecks mühseliger Erwerbstätigkeit ist in diesen beiden Lasttieren ausgedrückt.
Aber die Nähe zum Mensch-gewordenen Gott löst sogar die Demütigung der traurigen Versklavtheit des Malochen-Müssens auf: Wenn warme Nähe das göttliche Kind umgibt, mag sie auch noch so „tierisch“ sein, so bedeutet das erhabener Lebenssinn und lässt sogar das Tier in uns ruhig werden. So lassen sich diese Tiersymbolen deuten.

ZENIT: Ausdrücklich erwähnt wird eine andere Spezies der Stalltiere, die von Hirten gehüteten Schafe. Die Bibel braucht sie ja öfters als Symbol für den Menschen und manchen machen sich über treue Kirchenmitglieder als „Schäfchen“ lustig. Geht uns emanzipierten Menschen dieses Bild nicht gegen den Strich?

–Christa Meves: Selbst Christus hat in mehreren Gleichnissen das Schaf als Symbol für den Menschen gesehen. Und wie wahr ist das! Wie bei den Rudeltieren, entspricht vieles am Verhalten von uns Menschen einer Schafsnatur, das heißt: Wir haben ein starkes Bedürfnis, uns an die anderen anzupassen, gewissermaßen mit ihnen auf dem gleichen Ton zu blöken. Das Mitlaufen mit den vielen, mit der Masse, bietet uns unbewusst Schutz vor Ausgestoßensein und Isolation. So auch in der Weihnachtsgeschichte. Die Herdennatur von uns Menschen ist deshalb des Hirten bedürftig, der die Richtung vorgibt. Das Wort Pastor heißt ja sogar übersetzt „der Hirte“. Im Gegensatz zum Massenmenschen und dessen Schafsnatur, hat der Hirt kraft seiner ausgereiften hellhörigen Individualität eine Führungsaufgabe: Er steht in der Verantwortung, seine „Herde“ auf den Weg zu Christus zu bringen.

ZENIT: Jesus wurde mitten in der Nacht geboren. Wäre die Morgendämmerung nicht ein positiveres Bild gewesen?

–Christa Meves: Bedeutsame Vorgänge kommen besonders eindringlich durch höchst mögliche Gegensätze zur Wirkung. Christus ist das Licht, wie er selbst von sich gesagt hat. Das heißt, er erwirkt eine geistige Erhellung, über die hinaus es keine Steigerung gibt. Diese Gegebenheit kann sich nur in einer entsprechend mächtigen Antipode ausdrücken: eben als schwärzeste Nacht: im Hinblick auf den Tag also als Mitternacht, im Hinblick auf die Jahreszeit als Ereignis im dunkelsten Monat. Gleichzeitig ist so aber auch der erbärmlichste, der schwärzeste Zustand der Gesellschaft ausgedrückt, und das meint den sündhaften Zustand der israelischen Gesellschaft zu Herodes Zeiten ebenso wie jeden nächtigen Zustand der Gottesferne, in welcher Zeit auch immer. Für uns heute gilt diese durchschlagende Wahrheit ganz gewiss ebenfalls.

ZENIT: Warum wird gemäß der Darstellung des Lukas ein ganzes Engelheer aufgeboten, um ausgerechnet zuerst einer Gruppe von Hirten die Geburt des Gottessohnes zu verkünden. Hätte es nicht näher gelegen und manchen späteren Ärger erspart, gleich den jüdischen Hohepriester oder wenigstens den König Herodes so eindrucksvoll ins Bild zu setzen?

–Christa Meves: Der Hirt, der Schäfer, symbolisiert den hellhörigen, wachen, nachdenklichen, ja, oft sogar weisen Menschen, der kraft dieser Eigenschaften als ein verantwortungsbewusster, ja als ein zum Führen Beauftragter verstanden sein will. Der Entschluss Gottes, Mensch zu werden, war ja ein derart übernatürlicher Eingriff, dass nicht zu erwarten war, dass das begreiflich sein konnte. Ein Heer jubelnder Engel war nötig, um das Geschehen wenigstens den Hellhörigsten andeutungsweise glaubhaft zu machen. Etablierte Potentaten pflegen eher, um im Sinnbild zu bleiben, zugekleisterte Ohren zu haben, selbst wenn der Engelsgesang mit Pauken und Trompeten erschallt.

ZENIT: König Herodes soll auf Berichte von der Geburt des Messias drastisch reagiert haben. In Bethlehem und Umgebung, so schreibt es der Evangelist Matthäus, habe er alle Kinder bis zu zwei Jahren töten lassen. Kann uns das, über die Abscheu hinaus, die wir angesichts eines solchen Massakers empfinden, weitere Erkenntnis vermitteln?

–Christa Meves: Je diktatorischer ein Herrscher, umso mehr pflegt er um den Verlust seiner Macht zu zittern. Jede Menge der eigenen Landsleute haben die Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts aus Angst davor hingeschlachtet, Stalin zum Beispiel allein 30 Millionen. Herodes hatte nun eben durch die Heiligen Drei Könige erfahren, dass jetzt der Herrscher geboren worden sei, der ihn entmachten würde. Auch dieses ist eine gänzlich überzeitliche Wahrheit, dass solche elenden Machthaber, von panischer Angst regiert, maßlose Blutbäder anrichten.

ZENIT: Wie so oft in der Bibel begrüßt der Engel auch die Hirten von Bethlehem mit dem Ruf „Fürchtet euch nicht!“ Angeblich gibt es diesen Gruß 365 Mal in der Heiligen Schrift, also einmal für jeden Tag. Wie bewertet das eine Psychologin, die in langjähriger Praxis tagtäglich mit den Ängsten der Menschen konfrontiert worden ist?

–Christa Meves: „In der Welt habt ihr Angst“, hat Christus den Menschen dann später zugerufen und ihnen damit die Wahrheit bewusst gemacht, wie machtlos wir alle als Geschöpfe den Tod fürchten müssen, es sei denn, wir stellen uns in den Schutzraum unseres Gottes, der durch sein irdisches Totalopfer dergestalt den Tod entmachtet hat, dass er uns in der Auferstehung vorausgegangen ist und den Gläubigen das ewige Leben verheißt. Deshalb fügt Christus dem Satz „in der Welt habt ihr Angst“ hinzu: „Aber ich habe, für euch, die Welt überwunden.“

ZENIT: Zu den ersten Besuchern an der Krippe gehören die Heiligen Drei Könige, die in Wahrheit Wissenschaftler gewesen sind. Was sagt uns diese Szene für die aktuelle Diskussion über das Verhältnis von Glaube und Vernunft?

–Christa Meves: Die drei Heiligen Könige waren echte Wissenschaftler, das heißt, sie waren hellwache Menschen, die aus ihren Lebenserfahrungen und dem Nachdenken darüber klug geworden waren. Sie waren sogar Spezialisten, denn der Träger der Myrrhe verkörpert die Heilkunst, der Träger des Goldes den vernünftigen Umgang mit Besitz und der Träger des Weihrauchs symbolisiert die ahnende Achtung vor Gott und die dazu nötige Ritualisierung der Anbetung. Weisheit dieser Art bedeutet geistiges Königtum. Aber erst wenn die so Begnadeten ihre Einsichten zu Gott hinliefern, symbolisiert durch ihren langen Weg zu Christus und durch das Beugen ihrer Knie vor ihm, erst also, wenn Wissenschaftler so weise sind, ihre Erkenntnisse nicht selbstherrlich zu missbrauchen, sondern ihre Grenzen am göttlichen Maßstab zu messen, hat jegliche Wissenschaft eine Chance, konstruktiv zum Gelingen der Welt beizutragen. Das ist dann wahres Königtum in dieser Welt.

ZENIT: Sie haben sich in ihrer Praxis und in vielen Büchern intensiv mit der Familie beschäftigt. Nun ist die Heilige Familie sicher nicht gerade eine typische Durchschnittsfamilie. Können sich heutige Familien dennoch an ihr orientieren?

–Christa Meves: Die Heilige Familie kann selbst für uns moderne Menschen Vorbild sein, denn die Mutter Maria und der Ziehvater Josef verstanden, jeder auf seine Weise, die Geburt des Kindes als ein überwältigendes, in seiner Größe nicht begreifbares Geschenk ihres Gottes. Sie erlebten diese Familienbildung als eine immense Auszeichnung durch den Schöpfer, als eine Aufgabe, die sie mit tiefer Liebe und größtem Verantwortungsbewusstsein zu erfüllen suchten. Sogar die modernen Hirn- und Hormonforscher können heute bestätigen, dass eine solche Einstellung die wichtigste Voraussetzung ist, damit die Heranwachsenden später lieben und arbeiten können. Am Vorbild der Heiligen Familie zeigt sich, dass die Institution Familie die entscheidende Vorgabe Gottes zur Entfaltung von Menschlichkeit ist.

ZENIT: Beherrschender Begriff der ganzen Weihnachtsgeschichte ist die Freude. „Ich verkünde euch eine große Freude“ ruft der „Engel des Herrn“ den Hirten zu. Heute spricht man weniger über „Freude“ und mehr über „Spaß“. Ist das nur ein modernes Wort für dieselbe Sache?

–Christa Meves: Der Begriff Spaß deckt nicht im mindesten das ab, was wir als Weihnachtsfreude erleben, denn die Freude, die dieses Hochfest auslöst, lässt den überzeitlichen Sinn des Menschenlebens aufleuchten: Die Liebe soll in einer Weise verwirklicht werden, dass dadurch alles Tierische, triebhaft Irdische so abgeschwächt wird, dass liebevolles Miteinander vorrangig wird und sich so der Wille Gottes mit der Schaffung seines Geschöpfes Mensch erfüllt.

aus: Zenit vom 22.12.2009 und vom 23.12.2009

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One comment

  1. […] an Engeln gemangelt, doch bin ich auf meinem Weg zu meinem Inneren Kind? Oder bleibe ich bei den Rudeltieren? Schaffe ich es, mich von bestimmten Sachen zu […]

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