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16. Oktober 1793 – Marie Antoinette wird hingerichtet

16. Oktober 2009

Das Urteil

Marie Antoinette – Rien ne va plus

(2. November 1755 bis 16. Oktober 1793)

Einsam und von allen verlassen wartet Marie Antoinette verzweifelt auf den Prozess der erst am 14. Oktober 1793 eröffnet wird. Das Szenario ist erbärmlich. Die ehemalige Königin von Frankreich betritt – so die Überlieferung – an diesem Tag aufrecht und würdevoll den Gerichtssaal. Ein abgetragenes Trauerkleid, das ergraute Haar und eine einfache Witwenhaube zeichnen ein völlig neues Bild der zur Königin des Rokoko stilisierten Frau. Die Verurteilung wird zur Massenveranstaltung. Unmengen von Schaulustige lassen sich den Moment nicht entgehen bei der Verurteilung der „Österreicherin“ „L’Autrichienne“ dabei zu sein. In den ersten Reihen haben die hohen Funktionäre der Revolution Platz genommen. Der Auftakt der Verhandlung: „Nach Prüfung, ist offensichtlich,… dass Marie Antoinette, die Witwe von Louis Capet, seit dem ersten Tag ihres Aufenthaltes in Frankreich die Geisel und Blutsaugerin des Landes gewesen ist…..“ Sie habe das Vermögen des Landes vergeudet, sei in heimlichen Einvernehmen und Briefwechsel mit dem Feind gestanden und habe des weiteren eine Verschwörung gegen die innere und äußere Sicherheit des Staates betrieben, so die wesentlichen Anklagepunkte. Somit fiel der Prozess in die Kategorie Hochverrat und wurde als Schauprozess geführt.
Fakt ist: Marie Antoinette hat tatsächlich Unmengen Geld verschwendet, sie stand im Einvernehmen mit dem Feind – führte also über die Jahre regen Schriftverkehr mit ihrer österreichischen Verwandtschaft – und sie hat auch in verschwörerischer Absicht versucht ihre Krone zu retten.

Marie Antoinette auf dem Henkers-karren, auf ihrer Fahrt zur Guillotine (Zeichnung von Jacques-Louis David)

Fakt ist aber auch, dass hier ein Gericht entschied, ohne seine Anklage mit Beweisen zu belegen, denn diese wurden erst lange nach ihrem Tod von Historikern zusammengetragen. So etwa der Briefverkehr zwischen Marie Antoinette und ihrer Mutter, der in der Hofburg in Wien verwahrt ist. Man griff hier also auf äußerst fragwürdige Zeugen zurück. So etwa diese Zeugenaussage: „Ich habe gesehen, wie die Königin am 21. Juni 1791 „rachsüchtige Blicke“ ausgesandt hatte“. Für den Zeugen der dies vorbrachte war diese „Beobachtung“ bereits der Beweis für das Marsfeldmassaker. Die Grundlage für eine Verurteilung lag somit weit außerhalb der rechtlichen Verfügbarkeit. Denn mehr als die angeführten Fakten, deren Beweise eben fehlten, war es das öffentliche Bild, das ihr zum Verhängnis wurde.
Nicht zuletzt durch Jacques-René Hébert – ihren größten Feind – der in seiner Tätigkeit als Journalist bereits Jahre vor der Revolution begonnen hatte Marie Antoinette als lüsterne Wölfin darzustellen. Sie wurde in den Zeitungen und in der Öffentlichkeit dermaßen in den Schmutz gezogen, dass die Hälfte der Bevölkerung sie als Monster, das zu allem in der Lage war, sah.
Als Witwe Capet sitzt sie nun abgemagert vor ihren Richtern, doch zur Verwunderung der Schaulustigen ist die ehemalige Königin nicht gebrochen.
Die Vernehmung der 41 Zeugen dauert an. Mit Spannung erwartet betritt Jacques-René Hébert schließlich den Zeugenstand. Der Journalist hatte bereits im Vorfeld des Prozesses einen eigenen Plan verfolgt. Sein Ziel war es Marie Antoinette menschlich zu vernichten, sie dazu zu bringen abscheuliche Verbrechen zu gestehen, damit ihr persönlicher Zusammenbruch vor aller Augen das definitive Versagen der Monarchie demonstriere. Sein – pathologischer – Hass auf Marie Antoinette war auf Grund seiner Publikationen jedermann bekannt. Er bediente sich an dem Sündenfall des Inzests mit ihrem Sohn. Ein Verhörprotokoll des „geschändeten Jungen“ wird vorgelegt. Das Dokument – heute im Musée de l’Historie de France – zeigt tatsächlich die eigenhändige Unterschrift des Neunjährigen, die durch Tagelanges bearbeiten und unter die Mangel nehmen durch Hébert dem Kind erzwungen wurde. Ein mehr als erschütterndes Dokument menschlicher Grausamkeit.
Mit diesem Vorwurf konfrontiert erwidert Marie Antoinette im ersten Moment nichts. Schweigen. Erst als sie aufgefordert wird zu dem ihr zur Last gelegten Inzest Stellung zu nehmen, erhebt sie gefasst ihre Stimme: „Wenn ich nicht geantwortet habe, so deshalb, weil die Natur sich sträubt, auf einen solchen Vorwurf an eine Mutter zu antworten. Ich appelliere an alle Mütter im Saal.“ Für einen kurzen Moment erreicht sie damit Sympathiebekundungen und für einige Augenblicke gewinnt sie ein Stück Ansehen zurück.
Der letzte Zeuge wird befragt, der Prozess endet mit dem letzen Wort der Anklage durch den Ankläger Fouquier-Tinville mit den Worten: Marie Antoinette sei als „erklärte Feindin der Nation“ anzusehen. Noch einmal wird sie des Verrates bezichtigt, über dessen Tatbestand sich bis heute führende Historiker uneins sind.
Gebrandmarkt wurde sie als eiskalte Verräterin. Doch war sie das wirklich? Immer wieder wird versucht ihr diesbezüglich auf die Finger zu sehen. Roswita Klaiber, eine Schriftexpertin für grafologische Besonderheiten, untersuchte ihr Schriftbild und kommt zu dem Schluss: „Eine eiskalte Strategin war sie sicher nicht, dazu fehlt ihr einfach die intellektuelle Trennschärfe…. Das Schriftbild… weist sehr viele Spaltungserscheinungen auf…. das sie sich von sich entfremdet… und daher ist es durchaus möglich, dass sie ein doppeltes Spiel spielt… und das als solches nicht wahrnimmt.“
Nun, wie immer man zu solchen Aussagen steht, Fakt ist, Marie Antoinettes Verrat als solches bleibt bestehen. Der heute bekannte „Konspirationsbrief“ macht ihn definitiv. Jedoch dem damaligen Gericht war diese Tatsache nicht bekannt. Das sie damit französische Feldzugpläne den Österreichern zugespielt hatte, blieb den Anklägern verborgen. Zu alle dem gab es keine Beweise. Das Schlussplädoyer lautete stattdessen: „Wenn man für alle diese Tatsachen einen mündlichen Beweis wollte, hätte man die Angeklagte vor dem gesamten französischen Volk erscheinen lassen müssen … . Das französische Volk klagt Marie Antoinette an, alle politischen Ereignisse der letzten fünf Jahre sind Beweismittel gegen sie.“ Danach zogen sich die Geschworenen zu einer einstündigen Beratung zurück. Das daraus resultierende Urteil: „schuldig!“ – Rien ne va plus – mit der Aufforderung unverzüglich die Todesstrafe zu verhängen.
Laut Augenzeugen verlässt sie den Gerichtssaal ohne sichtliche Furcht oder Ärger und zeigt keine Schwäche. „Sie war wie ausgelöscht“. Die Zeitung Montieur schrieb: „Als sie ihr Urteil hörte, zeigte sie keinerlei Gemütsregung…. Sie ging aus dem Gerichtssaal, ohne ein Wort zu sagen, ohne einmal zu den Richtern oder zum Publikum zu sprechen.“

Was nun noch bleibt ist die Stille vor dem Tod. Noch einmal greift sie zur Feder und schreibt einen Abschiedsbrief. Der Brief gibt Aufschluss, keine Rechtfertigung, keine Botschaft an die Nachwelt, kein Wehklagen, kein historischer Auftritt. In diesem sehr persönlichen Brief nimmt Marie Antoinette lediglich Abschied (Siehe hier)

Die Hinrichtung

Hinrichtung der Marie-Antoinette am 16. Oktober 1793 (Zeitgenössischer Kupferstich, Ausschnitt)

Am 16. Oktober 1793 wird Marie Antoinette auf dem Revolutionsplatz enthauptet. Der Leichnam der ehemaligen Königin wird zusammen mit vielen anderen in einem Massengrab verscharrt. Erst 22 Jahre danach lässt König Ludwig XVIII. in der Kathedrale von St. Denis ein Grab und ein Denkmal für die letzte Königin Frankreichs errichten. Auf dem Grabstein aus schwarzen Marmor steht: „Marie Antoinette von Österreich. Königin von Frankreich und Navarra. 1755 – 1793“

Rien ne va plus – Marie Antoinette ist nun Geschichte.

von Andreas Brixler in

Marie-Antoinette.at

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